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Grenzüberschreitung – Sexuelle Belästigung erkennen und damit umgehen

Grenzüberschreitung – Sexuelle Belästigung erkennen und damit umgehen
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Inhalt:
  1. Witzeln, Streicheln, Grapschen – Sexuelle Anzüglichkeit oder nicht?
  2. Wehr dich! – Nur wie?
  3. Aber wer hilft mir?

Jede vierte Frau in Deutschland kennt das: ein anzüglicher Witz, eine unangenehme Berührung oder ein eindeutig zweideutiges Angebot. Sexuelle Belästigungen sind allgegenwärtig und machen auch vor der Arbeitswelt nicht Halt. Betroffen sind nicht nur fest angestellte Mitarbeiter. Praktikanten und vor allem Praktikantinnen werden ebenfalls zu Opfern. Dabei kann die Belästigung von jedem ausgehen: Kollegen, anderen Praktikanten oder dem Vorgesetzten. Erwiesenermaßen trifft es mehrheitlich das weibliche Geschlecht, was jedoch nicht heißt, dass Männer nichts zu befürchten haben – es kann wirklich jeden treffen.

Doch wo hört der lockere Bürohumor auf und wo fängt die Aufdringlichkeit an? Und vor allem: Was kannst du dagegen tun?

Witzeln, Streicheln, Grapschen – Sexuelle Anzüglichkeit oder nicht?

Orientiert man sich am Gesetz, fällt jegliches „… unerwünschtes, sexuell bestimmtes Verhalten, […] dass die Würde der betreffenden Person verletzt …“ unter sexuelle Belästigung. Das zeigt schon, das Monster hat mehrere Köpfe. Du allein bestimmst, wann die Grenze für dich überschritten ist. Sobald du dich in einer Situation bedrängt, herabgewürdigt oder unwohl fühlst solltest du diese Empfindungen ernst nehmen. Es kann also ganz auf die jeweiligen Umstände und die daran beteiligten Personen ankommen, ob es sich um eine sexuelle Belästigung handelt oder nicht.

  • Der Klassiker: Du stehst am Kopierer, als ein Kollege an dir vorbeiläuft und ganz zufällig mit seiner Hand über deinen Po streift.
  • Oder: Du sitzt am Computer und bittest einen anderen Mitarbeiter um Hilfe. Doch anstatt sich kurz auf deinen Platz zu setzen, beugt er sich über dich, um an Tastatur und Maus zu gelangen.
  • Das Spektrum reicht von solch wagen Berührungen bis hin zu regelrechten Grapsch- und Fummelattacken, bei denen dir dein Gegenüber im abgeschirmten Besprechungszimmer an Brust oder Intimbereich greift.
  • Weniger offensichtlich sind verbale Anzüglichkeiten. Dabei kann es schon ausreichen, wenn dir ein Kollege in der Essensschlange in der Kantine zart ein scheinbar harmloses Kompliment zuraunt.
  • Und was ist mit den typischen Männerzoten, die der Chef beim Meeting zum Besten gibt? Bei den männlichen Mitarbeitern mögen diese ja gut ankommen, als Dame in der Runde – auch wenn du nur als „kleine Praktikantin“ zuhören darfst musst du noch lange nicht darüber lachen.
  • Unstrittig ist der Tatbestand der sexuellen Belästigung erfüllt, wenn dich ein Arbeitskamerad direkt zum Sex oder anderweitigen geschlechtlichen Handlungen auffordert. Das kann, gerade wenn es sich um einen Vorgesetzten handelt, auch in Verbindung mit einer Drohung oder einem Versprechen geschehen, à la „Wenn du nicht mit mir schläfst, ist dein Praktikum vorzeitig beendet“ oder „Sei ein wenig lieb zu mir und ich sorge dafür, dass dein Praktikumszeugnis gut wird“.
  • Dabei müssen unangenehme Aufdringlichkeiten nicht immer körperlicher oder verbaler Art sein. Es reicht schon, wenn du jeden Tag auf dem Weg zu deinem Platz am Nacktkalender der Arbeitskollegen vorbei musst.
  • Ganz davon zu schweigen, dass die Blicke des Mitarbeiters der dir am Schreibtisch gegenübersitzt, ständig in deinen Ausschnitt wandern.

Wehr dich! – Nur wie?

Es ist wichtig, dass du dich gegen jegliche Art der Belästigung zur Wehr setzt. Denn wenn du sie ignorierst, kann das weitreichende Folgen haben. Der Verlust deiner Motivation dich in deinem Praktikum voll und ganz einzubringen ist hier nur das kleinste Übel. Nicht selten kommt es zu ernst zu nehmenden psychischen und körperlichen Erkrankungen wie Schlaf- und Essstörungen, Kopfschmerzen oder Depressionen. Mitunter verfolgen dich diese sogar noch Jahre nach deinem Praktikum. Viele Betroffene machen den Fehler alles zu schlucken. Schuld daran sind kulturelle Zusammenhänge, Schamgefühl, Ekel und die irrige Annahme ein anzügliches Verhalten selbst provoziert zu haben. Belästigungen gehen oftmals von Personen aus die in der Firmenhierarchie über einem stehen, was zusätzlichen Druck auf die Opfer aufbaut, denn sie fürchten um ihren Job.

Im Praktikum musst du dir darum wirklich keine Gedanken machen. Lieber brichst du es ab und suchst dir eine neue Stelle als diesen untragbaren Zustand der Aufdringlichkeiten hinzunehmen. Und lass dir bloß niemals einreden, dass du nur übertreibst und alles gar nicht so schlimm ist – nicht von dir selbst und auch von keinem anderen. Deine Situation kann sich nur verbessern, wenn du aktiv wirst, Scham und Peinlichkeitsempfinden zur Seite schiebst und dich zur Wehr setzt. Ausschlaggebend ist der richtige Schritt zur rechten Zeit.

  • Als Erstes solltest du dich jemandem öffnen dem du vertraust. Das können Familienmitglieder und Freunde sein aber auch Arbeitskollegen. Nicht selten zeigt sich, dass du nicht die Erste bist, die den Anzüglichkeiten eines gewissen Mitarbeiters ausgesetzt ist.
  • Mit dieser Unterstützung im Rücken kannst du in die Offensive gehen. Wer sich in die Defensive drängen lässt, bleibt in der Opferrolle stecken.
  • Das kann beispielsweise so aussehen, dass du den Betreffenden direkt auf sein Verhalten ansprichst. Erkläre ihm, wie unangenehm es dir ist und fordere ihn ganz klar dazu auf seine Belästigungen zu unterlassen. Einigen ist ihr eigenes Verhalten gar nicht bewusst.
  • Vorsichtshalber solltest du bei einem solchen Gespräch jedoch nie alleine sein. Bitte eine Vertrauensperson dich zu begleiten oder führe die Unterredung in aller Öffentlichkeit.
  • Drohe ganz klar mit einer Beschwerde beim nächsthöheren Vorgesetzten und rechtlichen Schritten.
  • Geht dich jemand körperlich an, darfst du dich selbstverständlich entsprechend zur Wehr setzen. Schiebe die Hand deines Kollegen ruhig von deiner Schulter, wenn es Not tut auch mehr.
  • Um deine Vorwürfe im Zweifelsfall beweisen zu können, ist es immer gut Zeugen für die Übergriffe zu haben. Hast du keine, schreibe jeden einzelnen Vorfall mit Datum, Ort und Uhrzeit auf.

Aber wer hilft mir?

Es gibt zahlreiche Stellen, die dir helfen. Innerhalb der Firma kannst du dich an Arbeitskollegen und den nächsthöheren Vorgesetzten desjenigen wenden, der dir zu nahe tritt. Vielleicht gibt es ja einen speziellen Ansprechpartner für solche Fälle im Unternehmen, beispielsweise eine Frauenbeauftragte. Auch Betriebsrat und Personalabteilung können eine Adresse sein, um dir Hilfe zu holen. Dein Arbeitgeber ist gesetzlich dazu verpflichtet, dich zu schützen. Zudem gibt es zahlreiche Stellen außerhalb des Betriebs, die dir zur Seite stehen wie die zuständigen Kammern, Industrie- und Handelskammer oder Handwerkskammer.

Möchtest du lieber erst einmal anonym bleiben, kannst du dich beim Frauennotruf melden und deine Probleme schildern oder wende dich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Dort kannst du dich nicht nur juristisch beraten lassen, sie übernimmt für dich sogar die Anrufe bei deinem Arbeitgeber, wenn es dir zu unangenehm ist, diesen direkt mit den Vorkommnissen zu konfrontieren. Angst um deine Praktikumsstelle musst du übrigens nicht haben, kein Arbeitnehmer darf Nachteile daraus ziehen, eine sexuelle Belästigung gemeldet zu haben. Also: Sieh nicht weg! Vielleicht erspart dein Mut Anderen ähnlich unangenehme Erfahrungen.

Bild: Tanja Tänzer
Tanja Tänzer (32 Artikel)

Tanja Tänzer hat Medien- und Kommunikationsmanagement an der Mediadesign Hochschule in Berlin studiert. Während Ihres Studiums hat sie bei verschiedenen Internetunternehmen im Bereich Content Management und Redaktion gearbeitet. Seit kurzem unterstützt Sie das Team von praktikumstellen.de mit täglich knackig frischen News und Artikeln für unsere Leserschaft.

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